Tagebuch-Auszug

Die ersten zwei Begegnungen mit dem Val Grande

1.Trip ins Val Grande

7.10.1999 Donnerstag, Tag des Monte Togano

Um 5.21 Uhr fuhren S.S. und ich mit dem Zug ab nach Lenzburg, Zürich und nahmen den Cisalpino nach Bellinzona. Durch das Centovalli fuhren wir nach Malesco, wo wir auf 750 m.ü.M. in Italien um 10.39 Uhr ausstiegen. Gegen Südwesten liefen wir mit schweren Rucksäcken in ein Seitental auf schmalem Wege, der nach der Kapelle San Antonio wild wurde. Einige Häuser waren aber noch instand bis zur Alp All’Erta auf 1279 m.ü.M. dann verliessen wir den Talgrund zu der Alp Geccio hinauf, wo es heiss war und sich der Weg verlor, so dass wir den Riegel zu Wasserscheide zum Val Grande auf 1980 m.ü.M. noch 8 Meter erklettern mussten und uns ein Busch zwischen den Eiszapfen grosse Hilfe bot. Als Traverse setzten wir unsere Tour fort gegen Nordwesten, wobei es felsig war. Vom Pass auf 2060 m.ü.M., erklamm ich noch den Monte Togano auf 2299 m.ü.M. wo sich phänomenale Aussicht von Monte Rosa, Mischabel, Monte Leone, Helsenhorn, Tessiner Alpen bis Piz Bernina und Monte Disgrazia und das lange Val Grande (ein riesen Urwald) bot. Vom Nordende des Val Grande wollten wir das längste unerschlossene Tal der Alpen durchlaufen im gleichnamigen Nationalpark, was für Italien bedeutet, dass seit Jahrzehnten alles der Natur überlassen wurde. Der Weg zur ersten zerfallenen Alp war struppig und buschig, dann hatten wir Brennesseln- und Farnwälder zu durchqueren, nach dem Bachübergang folgte Mischwald und oft konnte man den ehemaligen Weg nicht mehr identifizieren. Mein alter rechter Wanderschuh verlor zur Hälfte den Boden und blieb so. Eingezeichnete Brücken existierten nicht mehr und nach einem Gegenanstieg dunkelte es um halb acht Uhr ein, und wir stellten das Zelt auf ein paar flachen Quadratmetern eines Rückens bei der Alp Basciot auf 1168 m.ü. M. auf, samt Luftmatraze und Schlafsäcke, assen wir darinnen Erdnüsse, Käse, Brot und Schokolade. Ich konnte sogar gut schlafen. Vera war unterdessen in Oberrickenbach im Konflager, wo man mit Ton modelierte und sie eine tolle Gruppenzeit erlebte.

8.10.1999 Freitag, Tag von Premosello

Um drei Uhr wachte ich auf und übergab die Luftmatraze an S.S., der noch nichts geschlafen hatte. Das Laub war weich, nur die Luft wurde immer kälter, so bis 2 °C, als wir um 6.30 Uhr aufstanden, frühstückten und das Zelt auf der ehemaligen Alp Basciot im Nationalpark Val Grande demontierten. Bis „In la Piana“ war der Weg ansprechbar und wir fanden dort das einzige intakte Haus in diesem Tal, auch die einzige Wiese samt Helikopter-Landeplatz und Informationstafel. Der Weg talauswärts war minderer Qualität und hatte das Schild „sentiero pericoloso“, die Brücke über den Hauptbach fehlte, so dass wir zur Sicherheit mit ausgezogenen Schuhen und Hosen durchwateten. Die Fortsetzung durch die lange Schlucht war zwar mit Holzkerben markiert, aber es war nichts ausgebaut und beim zweiten Couloir sahen wir vor Felsen, Abgründe und Wildnis keine Fortsetzung, die einigermassen sicher passierbar gewesen wäre, so mussten wir umkehren zum Flussdurchgang auf 870 m.ü.M. und nach „In la Piana“, in die Mitte eines fast ausweglosen Tals. Wir wählten den schnellsten und tiefsten Ausweg, der sieben Stunden dauerte zum nächsten Dorf: Premosello am Toce. Der Weg war noch erhalten, aber knapp, es hatte jedoch eine Brücke nach der Schlucht des Val Gabbio. Es ging steil hinauf bis zur Alp Serena auf 1329 m.ü.M., wie überall in diesem Tal: alles Gebäude eingestürzt und die Wiesen bis zu zwei Meter hoch überwuchert. Langsamen Schrittes kämpften wir uns den Schlusshang zum Pass auf 1728 m.ü.M. (Alpe della Colla) hinauf, wo wir wieder den Monte Rosa sahen und nach 22 ½ Stunen wieder Menschen antrafen. Der steile Abstieg war heiss, doch ab der Alp „La Piana“ auf 1000 m.ü.M. war eine Fahrstrasse und auf 222 m.ü.M. erreichten wir den Bahnhof von Premosello. Zehn Minuten später fuhr ein Bus nach Domodossola, obwohl der Schalterbeamte nichts davon gewusst hatte und ich gab S.S. den Rucksack zurück. Mit der doppelten Last und dem kaputten Wanderschuh rutschte alles Gewicht auf meinen grossen Zehen, so dass dessen Nagel es nicht überlebte. In Domodossola kauften wir viel food ein und nahmen den Regionalzug nach Brig und den cisalpino nach Olten. Um 21.45 Uhr war ich zu Hause, erzählte den Eltern und packte um. Vera hatte am Morgen eine gute Gruppenzeit imi Konflager der Surseer in Oberrickenbach, mit dem sie auch am Nachmittag heimreiste

Velotrip am Val Grande

12.5.2000 Freitag, Tag der Blauen-Exkursion

Auf acht Uhr fuhr ich wie gewohnt nach Basel, nach einem Einkauf in Basel nahm ich das Tram nach Ettingen, wo ich mit Durchpausen am Wetterhorn-Relief weitermachte. Zur „Anfänger-Exkursion“ von alt-Professor G. waren 11 Studenten aus dem 2. bis 12. Semester erschienen. Wir betrachteten die Dörfer und Landwirtschaft am Blauen nach physiogeographischen, historischen und politischen Kriterien. Vom Bütterloch über die Ödung Rinelfingen stiegen wir zur Ruine Fürstenstein auf und traversierten zum Plattenpass; es war ständig etwas nass; im Restaurant Blauen Reben konnten wir picknicken. Über Nenzlingen und das Schloss Pfeffingen ging die Exkursion vorüber und ich schaffte es auf das 1724 Uhr-Tram in Aesch. Nach dem Nachtessen zu Hause nahm ich an der 1. Sitzung zum Jugendgottesdienstwochenende teil. Um 2110 Uhrfuhr ich mit dem alten blauen Velo (5 Gänger) nach Zofingen und verlud es. Mit der letzten Verbindung reiste ich nach Locarno, wo ich um 107 Uhr ankam. Bis Ascona hatte es noch einigermassen Verkehr, darauf folgte eine mystische Fahrt am See. Der italienische Zölner untersuchte mich von den Hosentaschen bis zum Foodsack im Rucksack. Nach Cannobio erreichte ich um halb drei Uhr Cannero, eine schöne Ortschaft mit den zwei „Geisterinseln“. Als ich dort gerastet hatte, und die Hauptstrasse verlassen hatte, empfand ich es als neuer Tag; zu früh im Zeitplan kam ich auf 675 m.ü.M. beim Dorf Viggiona an und legte mich eine halbe Stunde lang ins Gras schlafen. Vera fuhr von Zürich zur deo digno Singprobe, die lange dauerte, weil Roland Bärtschi vom Austritt sprach.

13.5.2000 Samstag, Tag des Monte Zeda

Um 345 Uhr sass ich im Gras bei Viggiona auf und ass ein Quark und etwas Marmor Kuchen, dann fuhr ich mit dem Velo nach Trarego weiter, nach dem Dorf benutzte ich die Stirnlampe und stosste das Velo auf den Pass Piazza auf 1048 m.ü.M. Von dort konnte man wieder fahren und als ich la Colle erreichte auf 1248 m.ü.M. war die Dämmerung schon vorangeschritten. Auf Kiesstrassen folgte ich der Höhenstrasse um zwei Hügel herum und stellte das Velo auf 1368 m.ü.M. ab, denn der Belag der eingezeichneten 3. Klassstrasse war nicht mehr fahrbar. Um 615 Uhr begann ich zu wandern, am Rifugio (Ruine) beim Monte Vada vorbei auf den Monte Zeda (2156 m.ü.M.) zwischen dem kleinen und dem erschlossenen Val Grande. Die Aussicht um 735 Uhr zeigte mir die Walisser und Tessiner Alpen, die Zentralschweiz, die Süd-Voralpen und die Poebene. Besonders schön waren aber die Arme des Lago Maggiore mit den Borromäischen Inseln und die grünen tiefen des Val-Grande-Nationalparks. Bis zum Colle war es zu Fuss und auf Rädern noch anstrengend, dann war noch eine Gegensteigung doch es folgte die grosse Abfahrt. Vorerst genoss ich aber noch den Blick zum See hinunter und folgte der Querstrasse nach Aurano, ein kleines Dorf im steilen valligen Tal des San Giovanni-Baches. Die Tornati leiteten mich in die Schlucht, wo ich italienische Autofahrsitten kennenlernte und übernahm. Unterhalb von Intragna begann sich die Schlucht zu öffnen. Von Intra-Verbania war ich enttäuscht, weil es keinen schönen Eindruck machte, deshalb nahm ich gerade die Fähre nach Laveno. Etwas gestresst fuhr ich noch die 16 km dem See entlang nach Luino, wo um 1230 Uhr ein SBB-Regionalzug nach Bellinzona fuhr. Bis dahin verpflegte ich mich und danach, als der Schnellzug kam (denn der EC führte keinen Veloverlad) schlief ich fast bis Zofingen. Zu Hause erzählte ich meiner Mutter, duschte und telefonierte mit Vera. Nach dem Nachtessen schaute ich die Tagesschau, las die 10 und 5-jähirgen Tage und das letzte Kapitel des Propheten Hezekiel. Um 2040 Uhrlegte ich mich schlafen. Vera hatte am Morgen Sologesang, am Nachmittag lernte sie und am Abend war sie beim Klassentreffen ihrer Sekundarklasse in Triengen.

2.Trip ins Val Grande

10.6.2000 Samstag, Tag der Alpe Scaredi

Um sechs Uhr stand ich auf, ass zu Frühstück und fuhr mit dem Velo nach Olten; auf der Aarburger Höhe fiel mir auf, dass ich nur die Halbschuhe an hatte, doch darauf überholte mich mein Vater mit dem Auto und brachte die Wanderschuhe. Um 644 Uhr traf ich M.H. im cisalpino. Wir planten unsere Wanderung und weil der Zug ausgebucht war, stiegen wir in Brig auf den Extrazug um, der 7 Minuten später nach Domodossola fahren sollte; er fuhr aber erst 13 Minuten später und deshalb verpassten wir den Regionalzug nach Mergozzo. Zudem regnete es im Val d’Ossola, Das Centovalli-Bähnlein wartete jedoch den Anschluss ab und wir starteten um 1040 Uhr in Malesco auf 750 m.ü.M. Einer noch nicht auf der Karte eingezeichneten Strasse folgten wir ins Valle Loana zu einer Alp auf 1250 m.ü.M. Kurz bevor der Wanderweg steil wurde picknickten wir ausgiebig und fanden einen Schlafsack. Auf einem Saumpfad stieg es zur Alpe Scaredi auf 1840 m.ü.M. an, als Pass für ins Val Grande. Wir besuchten noch die Kapelle in der Nähe und stiegen dann dem Wanderweg, wie er auch auf der Kompass-Karte mit ansprechbarer Qualität eingetragen ist zu den Alpen Boschelli und Portaiola und weiter zum Hauptbach hinab. Um halb vier Uhr erreichten wir die gemähte Wiese von In la Piana und assen und berieten. Weil wir noch fit waren, genug Zeit hatten und das Wetter hielt, wollten wir die Val Grande-Schlucht versuchen zu durchqueren. Ich kannte den Weg und die Tücken schon. Der Wasserstand bei der Flussdurchquerung war etwa gleich wie im Herbst und bis zum 2.Couloir war es kein Problem. Nur durch ausprobieren fanden wir dort dann die Fortsetzung, an einem Stück war ein altes Seil gespannt und morsche Äste waren als Brückchen hingelegt, dort sicherten wir uns mit den Gstältli und unserm Seil. Nach dem dritten Couloir war der Weg zwischen zwei Felsbändern eingeklemmt und das vierte Couloir war ein 70°-Rutschbahn aus glattem Fels mit einem Bach und fiel kurz darunter in die Senkrechte in den Hauptfluss. Diese lebensgefährlichen 3 Meter bewegten uns zur Umkehr. Sehr mysteriös kamen uns auch die zwei Rucksäcke (mit Schlafsack und Wasserflaschen samt Kondenstropfen) vor, die vor dem Couloir hinter einem Stein lagen, denn vor uns waren den Spuren nach schon lange niemand mehr hier unterwegs. Beim dritten Couloir stiegen wir noch bis zum Hauptfluss ab, welcher dort gerade aus einem Seelein zwischen senkrechten 50-m-Wänden und Staubfall des 3.Couloir-Baches herauskam. Theoretisch hätte man dem Fluss einige 100 m folgen können, oder auf die andere Talseite aufsteigen; doch wir kehrten nach In la Piana zurück und sahen nochmals das Skelett der abgestürzten Gämse sowie das Fell ohne Knochen. Das Warnschild „sentiero pericoloso“ auf das ich im letzten Oktober sentiero impassabile geschrieben hatte, war unterdessen ausgewechselt worden, und die Fischverbotstafeln hatte es an den unmöglichsten Orten. Bei der Forsthütte auf dem Hügel von In la Piana waren schon zwei Touristen und drei Einheimische. Wir assen dort zu Nacht, denn M.H. hatte Benzinkocher, Pfanne, Spaghetti und Sauce dabei. Gegen neun Uhr stellten wir das Zelt (das letztes Mal auf der Alpe Basciot gestanden hatte) auf der Wiese am Waldrand auf, denn es hatte schon ein anderes, und das Rifugio sprach uns nicht an. Kaum waren wir im Zelt, begann es zu regnen und von zehn bis zwölf Uhr, sowie von 130 Uhr bis 230 Uhr war ein sehr eindrückliches Gewitter rundherum und ziemlich intensiv (so heftig ich es noch nie erlebt hatte, vor allem die Akustik wirkte hier, wo sieben Nebentäler zusammenkommen).

11.6.2000 Sonntag, Pfingsten, Tag der Alpe della Colma

Heute war typisches Pfingstwetter; es regnete ununterbrochen. So ab vier Uhr schlich sich das Wasser untendruch in unser Zelt, am meisten nass wurde mein Portemonnaie. Petit Beurres assen wir zum Frühstück, räumten ab und zogen um 715 Uhr mit den Regenmäntel und dem Zeugs in Kehrichtsäcken im Rucksack los, auf dem schnellsten Weg hinauf nach Premosello. In der Alp Gabbio rasteten wir in einem triefenden Stall und suchten die nicht existierende Brücke zu Alpe Borgo delle Valli. Den Aufstieg zur Alpe Serena hatte wir schnell und ich war froh, dass ich Vegetation noch nicht so hoch gewachsen war wie im Herbst. Um zehn Uhr kamen wir sehr nass auf dem Pass der Alpe della Colma (1728 m.ü.M.) an und betraten das Rifugio des Comune di Premosello. Dort assen wir ausgiebig und wärmten uns auf. Auch der Abstieg war von nassen Büschen, Regenfall und Wolkenfetzen geprägt von der Alpe la Piana folgten wir der Teerstrasse bis Colloro dem urchigen Dorf und nahmen dann ein paar Abkürzungen. Im Wartesaal von Premosello auf 220,25 m.ü.M. bleiben wir 75 Minuten mit Verpflegungs und Trocknungsmassnahmen. Leider hatte ich anstatt Lira meine französische Francs mitgenommen, aber schlussendlich konnten wir mit Franken das Billet nach Verbania lösen, denn so kamen wir am direktesten nach Hause. Auf der Fahrt im Regionalzug beobachtete ich die Landschaft und von Bahnhof Verbania-Pallanza lief ich noch zur Toce-Brücke. Um 15.16 Uhr stiegen wir in den EC Val d’Ossola ein, der nach Olten und Basel fuhr. Bis Domodossola schaute ich hinaus, dann verpflegte ich mich und bis Bern schliefen wir hauptsächlich. Das Velo nahm ich in den Zug bis Aarburg und zu Hause waren um sieben Uhr auch gleich Eltern aus der Lenk zurückgekehrt. Nach dem Nachtessen packte ich aus und erzählt und schaute die Fotos vom Monte Zeda und dem Calancatal an.

 

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