Online-Zeitungsbericht im Zofinger Tagblatt im Januar 2004

 

Zickzack-Kurs im Bus

 

Nur per Postauto sind Konrad Weber und Matthias Kipfer, beide aus der Region Zofingen stammend, von Basel nach Zürich gefahren. Die Reise gelang in fast 10 Stunden. Ähnlich kreative Ideen hat vorab Weber.

 

(AK.) Fast zehn Stunden, um per Strassenverkehr von Basel nach Zürich zu gelangen? Im 19. Jahrhundert, als Fuhrwerk und Kutsche zirkulierten, hätte solche Reisezeit niemanden erstaunt. Heute jedoch, kurz vor wegweisender Abstimmung über verkehrliche Infrastruktur, behaupten selbst grösste Stau-Pessimisten kein derart langsames «Avanti» – schliesslich ist die A3 seit Herbst 1996 eröffnet, und auch der Intercity schafft die Strecke in 51 Minuten. Und doch: Wer einzig Bus und Postauto benutzt, ist – nach langem Tüfteln über dem Kursbuch – mehr als einen Arbeitstag lang unterwegs. Dies das Ergebnis einer Versuchsfahrt, die Konrad Weber (27), bis vor kurzem in Oftringen wohnhaft, und der Zofinger Matthias Kipfer (26) im Januar unternommen haben.

Zickzack durch den Aargau

Endet jeweils sonntags, wenn gewisse Kurse ausfallen, jede Wegvariante vorzeitig, führt auch unter der Woche keine direkte Linie vom Rhein an die Limmat. Nur im Zickzack lässt sich der Aargau per Bus durchqueren, und obwohl Weber den Fahrplan in fünfstündigem Studium optimierte, gibt es lange Wartezeiten. Hier ging die Reise zunächst, nach Start in Basel (08.08 Uhr, Bahnhof SBB), via Augst nach Rheinfelden und Gelterkinden. Glück für Weber und Kipfer, dort einen theoretisch unmöglichen Anschluss realisiert zu haben: Zwei Minuten zu früh angekommen und zwei zu spät weitergefahren – die Fahrt über die Salhöhe begann eine Stunde eher als fahrplanmässig geplant. Fast kuriose Richtungswechsel, von Süden nach Norden und umgekehrt, waren hernach von Aarau her notwendig, um (über Staffelegg und Bözberg) die Zürcher Kantonsgrenze zu erreichen. Dies via Herznach, Effingen, Brugg, Endingen, Baden und schliesslich Widen-Berikon, wo 54 Minuten Aufenthalt anfielen. Die letzte Etappe schliesslich mündete ziemlich direkt in die Agglomeration von Zürich; nach exakt 9 Stunden und 47 Minuten, d.h. 5 Stunden und 19 Minuten reiner Fahrtzeit, trafen die beiden Passagiere dort um 17.55 Uhr ein.

Leistungsfähiges Aargauer Busnetz

Warum überhaupt eine vergleichsweise strapaziöse Reise, die im Rückblick dennoch ein «tolles Erlebnis» war? Die Anregung dazu gab Konrad Weber nach der Lektüre von Kursbuch und beigelegtem Linienplan. Ihn faszinierte, zu zeigen, dass die Eisenbahn im Fernverkehr zwar überlegen ist, der Bus aber weite Reisen ebenfalls ermöglicht. Wie von ihm erwartet, fällt das Fazit, verbunden mit einem «Lob an die Busbetriebe», positiv aus: «Das Netz ist über weite Distanzen tatsächlich nutzbar!» Verbesserungspotential sieht er allenfalls bei einzelnen Anschlüssen. So treffe der Bus von Endingen genau dann in Baden ein, wenn ein Kurs nach Fislisbach abgehe. Hier bestehe «Handlungsbedarf».

 

Ausgefallene Projekte

Neu sind derartige Demonstrations-Reisen für Weber nicht: Er, dessen öV-Tagesrekord bei 2’500 Bahnkilometern liegt, besuchte im Zug schon alle 26 Kantone innerhalb von 19,5 Stunden. Das SBB-Magazin «Via» sollte zwei Jahre später eine Route präsentieren, die länger, nämlich 24 Stunde, dauerte. Und in einem halben Tag schaffte es Weber schon, alle fünf Nachbarländer zu durchreisen. Am wichtigsten ist ihm bei solchen Vorhaben jeweils die Idee bzw. seine entworfenen Pläne auch umzusetzen – der studierte Chemiker und Geograph hat eine ganz eigene Kreativität und Energie. Während Jahren schon schreibt er beispielsweise Tagebuch, mittlerweile sind 65 Bände verfasst, und das Matthäus-Evangelium wird von ihm auf Zentralaargauisch übersetzt: «S‘ Buèch Abschddammîg Jeesus Chreschddus

 

Liebe zu Reliefs und Natur

Die grösste Leidenschaft Webers aber gehört Landschaften, sowohl in natura als auch wenn sie kartographiert sind. Seit der Bezirksschule – heute unterrichtet er selber am Gymnasium – verfertigt er kunstvolle, massstabsgetreue Reliefs aus Karton. Längstens sind alle Schweizer Viertausender der Schweiz nachgebaut, und die höchsten Berge der Welt lagern ebenfalls auf dem Estrich: «Zu Landschaften lässt sich eine Beziehung aufbauen, wenn ich sie genau betrachte oder abbilde.» Eine Ausstellung? Ja, er habe mit dem Gedanken gespielt, ihn aber aus Zeitnot fallengelassen: «Wichtiger ist mir, Neues zu entdecken, selbst wenn ich dabei auf vieles verzichten muss, wie Fernsehen, Vereinssport oder Ausgang.» Mit dieser Motivation wagt sich Weber, der im Sommer seine langjährige Freundin heiraten wird, auf ausgefallene Weise öfters an besondere Orte der Welt vor. So gehören südlichste oder nördlichste Punkte von Ländern zu seinen bevorzugten Reisezielen, und auch schon hat ihn eine Velotour möglichst nah am Alpenhauptkamm entlanggeführt. Nie allerdings finden solche Abenteuer per Automobil statt – der passionierte Bahnfahrer verzichtete bisher auf die Fahrprüfung. Wer weiss, vielleicht startet nächstens ein Projekt, die grossen Eisenbahntunnel der Schweiz genau über ihrer Linienführung auf der Gebirgsoberfläche zu überschreiten.

 

 

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