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Geschichten mit Emotionen |
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Freude (12.10.2000)
Einen der glücklichsten Momente des letzten Jahrtausends
erlebte ich einer Buchhandlung. Weil die genaueste Karte vom Val Grande, meinem
Lieblingstal, aus dem Jahre 1963 stammte und einfach nicht mehr zuverlässig
war, wartete ich seit langem auf eine Neuerscheinung. Dutzende Male hatte ich
in Basels bestem Kartenladen nachgeschaut, ohne Erfolg. Doch jetzt war sie
erschienen! Vor Freude musste ich gleich absitzen. Als ich das Blatt
„Domodossola edizione 2000“ in den Händen hatte fühlte ich mich wie im 7. Himmel;
jetzt galt es nur noch auf den Sommer zu warten um ins Val Grande
zurückzukehren.
P.S. Natürlich war meine Hochzeit auch voller Freude, aber
das war im nächsten Jahrtausend.
Schock (21.7.2000)
In einem der miesesten emotionalen Zustände des letzten
Jahrtausends war ich kurz nach einem Höhepunkt. Der Sonnenaufgang auf dem Mont
Blanc, dem höchsten Gipfel Europas, war ein eindrückliches Erlebnis, nur hatte
ich dort oben so kalte Füsse. Auf dem Abstieg waren sie nicht mehr so kalt,
fühlten sich aber trotzdem komisch an, deshalb schaute ich nach. Der Schock
sass tief, denn die Spitzen beider Zehen waren schwarz. Am unheimlichsten war
die Ungewissheit über das Ausmass der Erfrierungserscheinungen; erst im Spital
von Martigny sagte man mir, dass es von alleine wieder heile, Gott sei Dank.
Tränen (3.7.1999)
Wenn der Blutzuckerspiegel tief ist, wie ab und zu in den
Bergen, nimmt man alles intensiver wahr. Nachdem ich das Velo über einen
Wanderweg-Pass nach Italien getragen hatte und über den Splügenpass in die
Schweiz zurückfahren musste, war ich auch am Ende meiner Kräfte. Zur
Abwechslung hatte ich mal ein walkman mitgenommen und da ich in Italien war,
hörte ich eine Kassette mit dem Requiem von Verdi. Ausgerechnet im steilsten
Abschnitt der Strasse rissen die Wolken den Himmel auf und das „Lacrimosa“
steigerte sich in seiner schwermütigsten Dramatik; das war das einzige Mal seit
meiner Kindheit, dass mir die Tränen flossen. Da ich wirklich nicht mehr viel
Energie hatte, liess ich das Velo dann in Splügen und fuhr mit dem Postauto
nach Hause.