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Geschichten
mit Velos |
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Übergewicht (10.1.1996)
Zu Beginn meines
Hobbies, Reliefs zu bauen, hatte ich einen chronischen Kartonmangel. Ich konnte
aber in Erfahrung bringen, dass der graue Karton in der Papierfabrik Muhen
hergestellt wird, da es von mir zu Hause nur 10 km nach Muhen waren, fuhr ich
mit dem Veloanhänger dorthin. Damit sich die Fahrt auch lohnte, kaufte ich
gleich 75 kg. Dummerweise passten die quadratmetergrossen Kartonplatten nicht
in den Anhänger hinein, sondern ich musste sie darauf legen und anbinden. Nach
jeder Kurve hatte ich sie wieder in die Mitte zu schieben, und der Aufstieg zum
Stiegelpass war auch nicht einfach. Doch hinauf konnte ich noch fahren, aber
hinab musste ich stossen, weil mich sonst der Anhänger überholt hätte.
Das Fusionsvelo
(16.7.1997)
In einem
sci-workcamp auf einem Bauernhof in Mittelschweden unternahm ich auch längere
Spaziergänge vor dem Frühstück. Da es wenig Hügel hatte, dafür eher weitläufig
war, hätte ich lieber ein Velo benutzt. Auf dem Bauernhof hatte es drei Velos
und alle waren Schrott, deshalb störte es niemanden, dass ich daran
herumbastelte. Von dem einen nahm ich den Rahmen, von einem andern die Räder
und vom dritten den Sattel. Ganz kompatibel waren die Objekte natürlich nicht,
doch es reichte um anständig vorwärts zu kommen.
Der 16-Loch Schlauch
(2.10.1997)
Weil ich im Herbst
1997 mit dem Velo nach Taizé hingefahren war, musste ich so auch wieder zurück.
Unglücklicherweise holte ich mir während eines kurzen Ausflugs dort eine Platte
im Hinterpneu, wegen einer überfahrenen Kastanie. Flickzeug und Pumpe hatte ich
dabei, doch als ich den Stachel rausgenommen und das Loch geflickt hatte, war
der Hinterpneu noch lange nicht dicht. Genauere Untersuchungen ergaben, dass
etwa 16 kleine Löcher im Schlauch waren (Kastanien haben eben mehrere
Stacheln). Da half nur beten, denn ein Velomechaniker war weit und breit
nirgends zu finden. Das Flickmaterial reichte nicht um alle 16 Löcher
abzudecken, nach drei Tagen blieb die Luft aber immerhin für ganze 15 Minuten
im Pneu, bevor sie wieder rausdiffundiert war. Wegen der Gewichtsbelastung
wechselte ich den Hinterpneu mit dem Vorderpneu aus und trat die Heimreise mit
der Tatsache an, dass ich jede Viertelstunde nachpumpen musste, das waren 37
Mal bis zur Schweizer Grenze. Dort, am Bahnhof La Cure, hoch über dem
Genfersee, war der Kondukteur sehr erstaunt, dass ich ein Velobillet für
abwärts lösen wollte. Zu Hause schnitt ich das vernarbte Stück Veloschlauch heraus
und klebte es zum Andenken ins Tagebuch.
Das Abfahrtsvelo
(23.5.1999)
Mit der Kirchgemeinde war ich in
einem Einsatzlager zur Beseitigung von Lawinenschäden im Oberwallis. Am
arbeitsfreien Nachmittag fand ich unter dem Lagerhaus, das auf Holzpfählen
gebaut war, ein totes Velo; das einzige was funktionierte, waren die Kugellager
der beiden verkrümmten Räder. Da das Lagerhaus am Fuss des Nufenenpasses lag,
und dessen Strasse sowieso steil ist, schob ich das Velo bis zu der Stelle
hinauf, wo sich der Bagger durch den zwölf Meter hohen Lawinenkegel schaufelte,
machte einen Abstecher auf einen schönen Aussichtspunkt und hatte dann eine
tolle, kurvenreiche Abfahrt. Bremsen brauchte ich nicht, denn der
Rollwiderstand war selbst genug gross.
Die schnellste Platte
(13.7.2000)
Nicht nur in
Frankreich hat man Mühe einen Velomechaniker zu finden, sondern auch in
Italien. Als Matthias Kipfer und ich über den zweithöchsten Pass Europas, das
Stilfserjoch, fuhren, fanden wir dort eine schneefreie Kiesstrasse, die noch
höher hinauf zu einem Skigebiet führte; so kam mein höchster Punkt mit Velo auf
3108 m.ü.M. gelegen. Lustig war es, das wir von dort zum höchsten Strassenpunkt
der Schweiz 600 Höhenmeter hinunterfahren konnten. Auf der weiteren Abfahrt ins
Veltlin hörte ich plötzlich ein Zischen und fühlte, dass der Hinterpneu nicht
mehr so viel Luft hatte. Wir hatten zwar Flickzeug dabei, aber keine Pumpe,
zudem befanden wir uns mitten in einer Schlucht. Bis Bormio geht es ja nur
bergab, sagte ich, und wir fuhren weiter. Ich setzte auch den Dynamo ans
Vorderrad und musste gar nicht mehr so fest bremsen, einzig das Schleudern in
den Kurven und der Schütteltakt des Ventils machten mir Mühe. In Bormio war
nirgens eine Werkstatt zu finden. Eigentlich hätten wir zwei Stunden später den
Zug im 39 km entfernten Tirano zur Heimreise nehmen wollen. Da es nochmals 800
m Abstieg auf der Strecke hatte, Rückenwind und wenig Verkehr vorhanden war,
versuchten wir, die Platte zu ignorieren. Als ich einen Handschuh zwischen
Gepäckträger und Schutzblech geklemmt hatte, war der rhythmische Schlag des
Ventils schon um einiges leiser. Wir kamen gut vorwärts; einmal, als es
schnurgerade hinab ging und Matthias neben mir fuhr, zeigte sein Tachometer 38
km/h an; das Fahrgefühl ähnelte dabei dem des Fliegens. In Tirano kamen wir
noch eine halbe Stunde zu früh an. Als ich schlussendlich von Zofingen nach
Hause fuhr, fiel sogar noch der Wechlerbügel spontan ab und die Kette wurde
dauernd in nichts gelenkt.
Schlechter Service
(23.7.2000)
Das Tandem von Vera
Bär war schon lange nicht mehr benutzt worden, als wir zu einer Tour in Holland
starten wollten, deshalb brachte sie es vorher noch dem örtlichen Mechaniker,
der die Pneus und die Bremsklötze erneuerte. Am Tag vor der Abreise machten
Vera und ich noch eine kleine Testfahrt. Alles schien in Ordnung zu sein. Am
Tag darauf standen wir vor fünf Uhr morgens auf, um zeitig zu starten. Der
erste Kilometer war das Strässchen von ihrem Haus zur Hauptstrasse hinunter,
wir hatten diese aber noch nicht einmal erreicht, da machte es peng. Der Knall
war so laut, dass ich mir vorerst gar nicht vorstellen konnte, dass er vom
Tandem stammen würde, aber der Hinterpneu war auf breiter Front aufgeschlitzt.
Der Velomechaniker hatte dummerweise den neuen scharfen Bremsklotz zu weit oben
montiert, so dass dessen Kante den Pneu aufschnitt. So wurde aus der
Tandemreise eine Zugsreise.
Das Auenvelo
(19.1.2001)
Das billigste Velo,
das ich in Besitz nahm, fand ich auf einer Geographie-Exkursion. Das Thema war
der Schutz der Auen an der Aare bei Brugg, und da lag doch in einem Auenwald,
den wir untersuchten, ein Velo im Sumpf. Es schien schon lange dort gelegen zu
haben, da schon Algen zwischen den Speichen gewachsen waren, der Rost sich
breit machte und das Nummern- und Adressschild nicht mehr zu entziffern waren.
Um dem Tagesthema ein Beispiel zu setzen, und weil ich den Ehrgeiz hatte, es
wieder flott zu kriegen, nahm ich es mit. Nach einem Kilometer drehten sich
bereits die Räder. Nach einem zweiten war die Kette nicht mehr starr und nach 3
Kilometern, als wir auf einem Aussichtshügel waren, konnte ich damit fahren. Am
Schluss fuhr ich mit den zwei platten Pneus an den Bahnhof Brugg zurück und
verlud das Velo im Zug nach Hause. Trotz allem wäre der Aufwand für eine Totalrevision
zu gross gewesen, und es landete zwei Tage später im Altmetall.
Die Nachfrage bestimmt
den Preis (5.4.2001)
Als ich mein
Auslandsemester in Norwegen begonnen hatte, wollte ich unbedingt schon im
April, bei Schnee und Eis, ein altes Velo kaufen. Als ich die ganze Stadt
abgesucht hatte, stand mir nur eines im Angebot, und der Verkäufer wusste das
auch. So bezahlte ich den Monopolpreis, obwohl das Velo in einem schlechten
Zustand war. Gleich zuerst musste ich mir ein Schloss und neue Bremsklötze besorgen
und den Vorderpneu bei einer Tankstelle pumpen. Und schon einen Tag nach dem
Kauf fiel ein Pedal ab. Doch als mein Velo dann definitiv fahrtüchtig war, fuhr
ich damit Hunderte von Kilometern auf schneebedeckten Strassen, über mehrere
Inseln, einmal durch einen Tunnel unter dem Meer durch und einmal über den 70.
nördlichen Breitengrad.
Kamelkonkurrenz (8.3.2003)
Auf meiner Marokko-Reise kam ich
nach Zagora, einer Stadt am Rande der Sahara. Dummerweise war ich auf der
Busfahrt dorthin in ein Gespräch mit einem Einheimischen verwickelt worden, so
dass ich keine freie Wahl bezüglich meiner Unterkunft mehr hatte. Dass ich
genötigt wurde, bei ihm als „Freund“ zu wohnen, war nicht schlecht, denn ich
hatte so die Gelegenheit auf Berber-Teppichen ein echtes Couscous zu essen und
andersartigen Einblick in das Umfeld der Wüstenbewohner zu gewinnen. Hingegen
wurde mir auf die selbe arabische Art auch nahe gelegt, dass ich eine Kameltour
mit ihm unternehmen soll (gegen hohe Bezahlung versteht sich). An Kamelen war
ich absolut nicht interessiert, ich hatte eher auf einen Veloausflug in die
Sahara spekuliert. Ich meinte, auf schweizerische Art eben, wenn er sich schon meinen „Freund“ nenne,
könne er mir sicher ein Velo besorgen. Nach langen Gesprächen mit allen seinen
Cousins beim Tee trinken in einem Strassencafé (die immer dann verschwanden,
wenn die Polizei in Sichtweite war. Auch sollte ich nicht neben ihnen laufen
auf der Strasse, sondern etwas versetzt) meinten sie, es gäbe wirklich keinen
einzigen Velovermieter in der Stadt und sie kennen auch niemanden, der ein Velo
besitze. Ich müsse eben die Kameltour machen. Zum Glück hatte ich das Kickboard
dabei, so konnte ich ausweichen und sagen, ich werde halt anstatt mit einem
Velo mit dem Kickboard in die Wüste fahren. Denn so konnte ich am nächsten Tag
frei und unbeobachtet selbst nach einem
Velo Ausschau halten. Keine zehn Minuten waren vergangen, da wurde ich von
einem Händler angesprochen, ob ich ihm das Kickboard verkaufe. Darauf wollte er
mir eine Dromedartour anbieten. Auf Umwegen konnte ich aber von ihm die Miete
eines Velos erhandeln. Nach 65 km in Richtung Süden merkte ich, dass ein Velo
zu fahren wahrscheindlich mehr Durst macht, als ein Kamel zu reiten; deshalb kaufte ich bei der nächsten Oase 5
Liter Wasser. In Mhamid, am Ende der Strasse, hatte ich den 30. nördlichen
Breitengrad überschritten und konnte mit einem Bus nach Zagora zurückfahren.
Das Velorad-Wasserkraftwerk
(7.8.2003)
Das Survival-Lager für Teenager
des Bibellesebundes führte ich im 2003 ins Val Chironico. Dort wollten wir die
ganze Woche bleiben. Deshalb nahm ich etwas mehr Gepäck mit, darunter auch
Technisches, damit man etwas damit bauen kann. Ein Velorad, ein Dynamo und 50 m
Kabel waren auch dabei. Nachdem wir einen kleinen Bach über 100 m umgeleitet
hatten, konnten wir direkt neben den Zelten einen Brunnen errichten. Am Velorad
wurden leere Blechdosen befestigt, und das Rad so in den Brunnen installiert,
dass es als Wasserrad angetrieben wurde. Der Dynamo wandelte die mechanische
Energie dann in elektrische um. Einen Strich durch die Rechnung machte am
Schluss aber der Wirkungsgrad, denn vom dem Wasser im Bach versickerten schon
mal 90% im Waldboden, dann fingen die Blechdosen nur einen Bruchteil des
Wassers auf, die Radhalterung hatte auch eine
gewisse Reibung und der Dynamo war dauernd nass. Dennoch produzierte das
Wasserkraftwerk dauerhaft Strom, allerdings nur so wenig, dass es knapp reichte
eine kleine Leuchtdiode zu betreiben. Immerhin konnte man dann den Brunnen auch
in der Nacht gut finden.
Unfreiwilliger Veloverleih
(15.5.2004)
Seit 1997 habe ich ein Velo am
Bahnhof Basel stationiert. Etwa einmal im Jahr wurde mein Basler Velo aber
gestohlen, so auch im Frühling 2004. Ich staunte aber nicht schlecht, als ich
zwei Wochen später mein Velo vor einem Basler Einkaufszentrum wiedersah. Da es
mit dem selben Kombinationsschloss abgeschlossen war, betrachtete ich es nicht
mehr als Diebstahl, sondern als zeitlich begrenzte Ausleihe und nahm mein Velo
nun wieder entgegen. Das Schloss wechselte ich aber aus Vorsicht vor einer
weiteren „Ausleihe“ aus.
Pathologie eines Velos
(24.7.-30.7.2005)
Als es darum ging, eine Velotour
von Nordschweden nach Tromsø zu planen, entschied ich mich ein altes Velo nach
Skandinavien mitzunehmen und es dann dort zu lassen, damit ich den aufwendigen
Transport nur einmal ausführen musste. An einem Velo, das ich aus der
Altmetall-Sammlung hatte, montierte ich zuerst alles ab, was ich nicht
brauchte. Schon auf dem Weg zum Flughafen fiel das Batterien-Vorderlicht auf
die Strasse und war kaputt (Tag 0). Später startete ich mit Mit Jan-Erik
Perrson im Dorf Jörn am 65. nördlichen Breitengrad unsere Tour, er mit einem
neuen, teuren Mountainbike, ich mit meinem Fünfgänger. Aber vor dem Abfahren
musste ich das Schutzblech des Hinterrades liegen lassen, denn das Hinterrad
hatte eine Acht und hätte das Schutzblech touchiert (Tag 1). Am zweiten Tag
nahm die Reibung des Kettenrades mit dem Kettenschutz so sehr zu, dass ich das
Blech, welches die Kette schützte, abmontieren musste (Tag 2). Am ersten norwegischen Fjord der Tour kaufte
ich einen neuen Radmantel, denn der alte hatte am Tag zuvor den Radschlauch
zerstört. Weil der neue Mantel grösser war, musste ich auch auf das zweite
Schutzblech verzichten. Dennoch musste ich noch dreimal den Radschlauch flicken
(Tag 3). Am vierten Tag funktionierte alles am Velo, dafür regnete es oft. Das
Problem am fünften Tag war das Zahnrad des grössten Ganges, es war mittlerweile
so abgewetzt, dass daran bei grösserer Belastung die Kette sprang (Tag 5). Am
zweitletzten Tag der Tour wollten wir bis Buktamo fahren, 5 km vor Buktamo
zerbrach die innere Mechanik meines wackelnden Hinterrades aber vollends, so
dass der Antrieb nicht mehr funktionierte (Tag 6). Alle Reperaturversuche scheiterten,
deshalb brachte ich mein Velo dort zum Altmetall und nahm den Bus nach Tromsø.
Erstaunt war ich hingegen, als beim Velo von Jan-Erik die Kette riss, kaum war
er in Tromsø angekommen.